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Zum 10. Todestag von Pierre Bourdieu

Januar 23, 2012

Vor zehn Jahren starb Pierre Bourdieu, Soziologe, Philosoph, Fotograf und Autor, 71-jährig in Denguin, Südfrankreich.

Bourdieu, aus relativ einfachen Verhältnissen stammend, brach eine Promotion ab, weil er sich lieber der „soziologischen Feldforschung“ widmen wollte. Anstatt sich im Elfenbeinturm Universität zu verschanzen, unterrichtete er an Provinzgymnasien, blieb nach absolviertem Militärdienst in Algerien, um dort ethnologische Studien über die Kultur der Berber zu betreiben, kehrte auch später mehrfach nach Algerien zurück und hinterließ tausende Fotos über den Alltag und die Lebensbedingungen in Algier. Bourdieu war ein Beobachter, einer, der es vorzog, sich selbst ein Bild vom „Stand der Dinge“ zu verschaffen, akribisch zu dokumentieren und daraus seine Schlüsse zu ziehen.

Er war auch einer der Mitbegründer von attac und einer der ersten, die immer wieder vor den Konsequenzen der Globalisierung, des „organisierten Gegeneinanders der Lohnabhängigen“ und des ungezügelten Neoliberalismus warnte. Er war es, der den Begriff der Prekarisierung prägte. Hätte er seinen 82. Geburtstag am 1. August 2012 erleben dürfen, hätte er auch erlebt, wie sehr seine scharfsinnige Analyse zutraf und in welchem Maß sich seine Prognose einer prekarisierten (und damit jeder Grundlage zur selbständigen Lebensgestaltung beraubten) Gesellschaft aus  Scheinselbständigen, Mini- und Ein-Euro-Jobbern, Hartz IV-Aufstockern, Projektangestellten, Zeitarbeitern, Praktikanten und „freien Mitarbeitern“ bereits heute verwirklicht hat.

Er hätte das Versagen und die Handlungsunfähigkeit der Politik angesichts nicht mehr kontrollierbarer Märkte erlebt, und er hätte sich dadurch vermutlich noch mehr hin- und hergerissen gefühlt zwischen seiner Aussage, er fühle sich „inzwischen gezwungen (…), Dinge zu verteidigen, die man eigentlich verändern möchte, etwa den Nationalstaat“, und der korrekten Beobachtung, dass eben die Nationalstaaten „die ökonomischen Deregulierungsmaßnahmen eingeleitet haben“, deren Konsequenz eben auch die Prekarisierung breiter Gesellschaftsschichten ist. Kein Zweifel: Der Soziologe Bourdieu und der politische Aktivist Bourdieu waren nicht immer einer Meinung.

Einen „altmodischen Humanisten“ nannte ihn Jürgen Habermas in einem Nachruf, und man darf sich fragen, was der Soziologe Bourdieu zum Zustand einer Gesellschaft gesagt hätte, deren Vordenker Humanismus als „altmodisch“ abtun (wobei dies vielleicht ein wenig dadurch relativiert wird, dass Habermas in seinem Kommentar nach Bourdieus Ableben „wieder jenes intrigante Unverständnis verrät, das alle Habermasschen Rezeptions- und Rekonstruktionsversuche zur Marxschen Theorie oder zu den von der Wurzel des Marxschen Praxisdenkens ausgehenden Denkansätzen prägt“, so Horst Müller am 1. Februar 2002).

Wer versucht, Bourdieus Zustandsbeschreibungen der Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts deshalb als rückwärtsgewandt oder obsolet zu denunzieren, hat wenig bis nichts verstanden. Diese Versuche stehen jedoch im Einklang mit den abwiegelnden Aussagen wirtschaftlicher und politischer Eliten, die jede offene Debatte über das Problem der Prekarisierung entweder unterlaufen, indem sie die Zahl der Betroffenen auf „Einzelfälle“ reduzieren wollen, oder gleich das ultimative Totschlagsargument auspacken, indem sie diese gesellschaftlichen Zustände als unumgängliches Naturgesetz vermarkten. Und auch das hatte Pierre Bourdieu lange vor den meisten anderen begriffen:

„Indem man, besonders über eine Konzertierte Manipulation der Produktionsräume, die Konkurrenz zwischen den Arbeitnehmern in den Ländern mit den bedeutendsten sozialen Errungenschaften und der bestorganiserten gewerkschaflichen Widerstandskraft – lauter an ein Staatsgebiet und eine nationale Geschichte gebundene Erunngenschaften – und den Arbeitnehmern in den, was soziale Standards anbelangt, am wenigsten entwickelten Ländern anheizt, gelingt es dieser Unsicherheit, unter dem Deckmantel vermeintlich naturgegebener Mechanismen, die sich schon dadurch selbst rechtfertigen, die Widerstände zu brechen und Gehorsam und Unterwerfung durchzusetzen. Die von der Prekarität bewirkten Dispositionen der Unterwerfung bilden die Voraussetzung für eine immer erfolgreichere Ausbeutung, die auf einer Spaltung zwischen einerseits der immer größer werdenden Gruppe derer, die nicht arbeiten, und andererseits, die immer mehr arbeiten, fußt.“

Der vollständige Text „Prekarität ist überall“ ist in Bourdieus Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. oder – wenn auch mit dem einen oder anderen Tippfehler – unter diesem Link zu finden.

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